| |
Als mein Mann
vor fast zehn Jahren den schweren Unfall hatte, begann es schleichend
um mich herum. Etwas, über das viele Menschen einmal nachdenken
sollten.
Die ersten Tage verbrachte ich in einem schockähnlichen Zustand.
Ich reagierte und agierte, alles was von mir verlangt und erwartet
wurde, tat ich wie in Trance, aber dann......?. Wir wohnen in
einem kleinen Ort. Jeder kennt jeden, man hat Bekannte und Freunde
in allen Ecken. Es begann leise und schleichend um mich herum.--
Von der Familie rede ich dabei nicht, wir zogen ja alle am selben
Strang.-- Erst kamen Nachfragen der engsten Freunde, Nachbarn
und Arbeitskollegen. Hilfsangebote usw. waren auch dabei, dagegen
ist auch nichts zu sagen.
Jetzt, nach fast zehn Jahren, muß ich mich fragen: Wo sind
sie hin? Ich kann sie an den Fingern einer Hand abzählen,
die uns von den Vielen geblieben sind. Wo aber sind die vielen
Freunde mit denen wir so manch fröhliches Fest
gefeiert haben? Wo sind die, mit denen wir uns oft unterhalten
haben, lustig waren und gelacht haben? !
So nach und nach begriff ich, was passiert war. In Freude ja,
in Leid nein, so war die Devise.
Ich spürte eine große Verbitterung in mir wachsen.
Ja, es war teils auch Wut auf die Freunde, aber auch
auf das Schicksal, daß uns geschlagen hatte. Ich bekam dann
auch so hintenherum Antworten. Man getraute sich nicht, mich anzusprechen
oder mich zu fragen. Gut, dachte ich, gehe ich eben auf die Leute
zu. Ging nicht , man wich mir aus, wie wenn ich die Krätze
hätte. Die Menschen hatten vergessen, daß ich fast
dieselbe geblieben bin und vor allem, daß ich vielleicht
etwas Zuspruch von ihnen gebraucht hätte.
Warum sind die Hemmschwellen der Menschen so groß, gerade
dann, wenn man jemanden braucht?
Warum kann man nicht wie vorher zusammen lachen, auch mal zusammen
weinen?
Es wurde noch schlimmer, als mein Mann nach fast dreizehn Monaten
wieder nach Hause entlassen wurde. Er war behindert an Geist und
Körper, aber ich nahm ihn überall im Auto mit, auch wenn
ich nur etwas im Ort einkaufen wollte. Er sollte Ort und Menschen
wieder sehen, um sich zu erinnern. Ich hatte da ein Erlebnis,
das sich bei mir eingebrannt hat. Ich war in der Apotheke etwas
holen. Drinnen fragte mich eine gute Bekannte: Wie geht
es Deinem Mann? Ich sagte: Geh raus, klopf ans Autofenster
und frage ihn, er gibt dir Auskunft! Ich bekam folgende
Antwort: Nein, das kann ich nicht, ich weiß ja nicht,
wie er reagiert! Ich versuchte es nochmal und sagte: Er
freut sich riesig, wenn er angesprochen wird, nur hilf ihm drauf,
wer du bist! Aber die Reaktion war wieder negativ.
Ich habe solches und ähnliches sehr, sehr oft erlebt. Auch
Äußerungen wie, warum bleibt die nicht zu Hause mit
ihm oder warum nimmt sie ihn überall mit
hin. Das alles machte mich oft traurig, wütend und nachdenklich.
Tja, aus heutiger Sicht sage ich, daß ich trotz negativer
Erlebnisse das Richtige getan habe. Wir haben große Erfolge
bei der Genesung meines Mannes
erlebt. Es ist zwar nichts mehr so, wie es einmal war, aber wir
haben uns ein neues Leben aufgebaut. Ich denke auch,
daß ich durch diese teils negativen Erfahrungen trotzdem
den Glauben an die Menschen wiedergefunden habe.
Sehr, sehr viel hat mir dabei auch unsere Selbsthilfegruppe geholfen.
Ich bin damals so selbstverständlich dort aufgefangen worden,
als es mir persönlich ziemlich schlecht ging. Ich habe dort
nicht nur Verständnis für meine Probleme gefunden, sondern
auch für mein angeknackstes Selbstbewußtsein.
Ich habe gelernt, mit dem Leben, wie es jetzt ist, fertig zu werden.
Was auch wichtig war, mein Mann wurde dort akzeptiert, so wie
er ist. Und das ist auch heute noch nicht immer leicht. Dort fanden
wir auch einen neuen Bekanntenkreis, auf den ich mich jederzeit
verlassen kann und der sich mit unseren paar alten Freunden gut
verbinden läßt. Mich verbindet mit diesen Menschen
mehr, als man sich vorstellen kann, deshalb kann ich nur sagen
und bitten: Geht auf Menschen zu, die in großem Leid
stehen, überwindet diese verdammte Hemmschwelle! Nicht
die Augen verschließen, sondern geht mit offenen Augen durch
die Welt!
Meine weitere Aufgabe ist, solchen Menschen zu helfen, für
sie da zu sein,
damit sie nicht solche Erlebnisse haben, wie ich sie hatte.
Doris Böhm
Was
danach geschah...
Obigen
Artikel schrieb ich im Jahre 1998.
Mittlerweile hat sich unser Leben doch grundlegend verändert.
Wir haben unser Haus verkauft und sind weggezogen, obwohl mein
Mann dort geboren ist. Was wir erlebt haben war nicht der einzige
Grund für unseren Entschluß, aber mit ein ganz großer.
Mich störte einfach das mein Mann nicht als der akzeptiert
wurde, wie er jetzt ist, sondern als "Behinderter" weil
alle wußten was passiert war. Das er behindert ist wird
dadurch nicht weniger, aber die vielen kleinen Wunder der Besserung
wurden nicht gesehen. Von dem, was ich nach wie vor erlebte, ganz
zu schweigen.
Wir sind in eine andere Gegend gezogen und mein Mann hat sich
sehr gut eingelebt. Hier wird er so angenommen wie er ist. Man
kennt ihn nicht von früher und zieht daher keine Vergleiche.
Ich hoffe und denke diesbezüglich keinen Fehler gemacht zu
haben und wünsche es geht weiter bergauf oder bleibt wenigstens
konstant.
Doris Böhm
nach
oben
|
|