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Wenn auch die körperlichen Auswirkungen eines Schlaganfalls
am ehesten wahrgenommen werden, unsichtbare Auswirkungen kommen
häufig vor. Diese sind manchmal schwerer erkennbar, können
aber dennoch für Betreuer und Angehörige schwierig sein.
Mit einem
Schlag ist man anders
Den Meisten von uns sind die am häufigsten auftretenden körperlichen
Beeinträchtigungen nach einem Schlaganfall, wie die Parese
oder Probleme, sich mitzuteilen, bekannt. Weniger offenkundig
und damit problematischer im Umgang sind die unsichtbaren Folgen,
wie Änderungen am Gemüt oder an der Persönlichkeit.
Bei neu erlittenen
Schlaganfällen ist häufig aus dem Familien- und Freundeskreis
zu hören, daß "er nicht mehr der Alte ist".
Dies ist keine Einbildung. Manchmal ist es die Folge einer ernsten
Krankheit und manchmal ist es auf den Hirnschaden selbst zurückzuführen.
Gemütsänderungen nach einem Schlaganfall haben vielerlei
Erscheinungsformen, von der Depression oder Teilnahmslosigkeit
(Apathie) bis hin zur Reizbarkeit oder gar Aggression, von noch
schwerer wiegenden "Persönlichkeitsänderungen"
ganz zu schweigen.
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Eine andere
Persönlichkeit
Echte
Persönlichkeitsänderungen nach einem Schlaganfall sind
verhältnismäßig selten, so Nadina Lincoln, Professorin
der klinischen Psychologie in der Universität zu Nottingham.
"Was häufig als Persönlichkeitsänderung verstanden
wird, mag lediglich die Folge von Schwierigkeiten mit geistigen
Fähigkeiten, wie Konzentration, Erinnerung und Aufmerksamkeit
nach dem Schlaganfall sein," sagt sie. "Wenn zum Beispiel
jemand vom Partner gebeten wird, die Katze zu füttern, und
er tut es nicht, gibt er sich als unwillig oder als teilnahmslos.
Tatsächlich aber hat die scheinbare Persönlichkeitsänderung
eher mit Vergeßlichkeit denn mit Sorglosigkeit zu tun. In
anderen Fällen haben Leute manchmal Probleme, den richtigen
Weg irgendwohin zu finden, was als "fehlender Wille"
wahrgenommen wird, obwohl sie in der Tat wirklich überfordert
sind."
Professor
Lincoln weist auch darauf hin, daß der Schlaganfallbetroffene
häufig frühere Eigenschaften verstärkt zur Schau
stellt. Der vormals umgängliche Mensch wird sogar noch geselliger,
der Zurückhaltende wird introvertierter, und der leicht Reizbare
rastet immer häufiger regelrecht aus. Tatsächlich ist
die wahrnehmbare "Persönlichkeitsveränderung"
in solchen Fällen nichts weiter als die Reaktion auf eine
ungewohnte bzw. schwierige Situation - genauso wie wir alle unsere
eigenen typischen Reaktionsmuster zeigen, wenn wir unter Streß
geraten oder vor ungewohnte Umstände gestellt werden. Auch
sind gegenläufige Effekte bekannt - Aggressive wirken gelassener,
während Besonnene kampflustig und streitsüchtig werden.
Des Weiteren
kommt es vor, so Professor Lincoln, daß Freunde und Familie
den Betroffenen bzw. sein früheres Wesen gewissermaßen
durch die rosa-rote Brille sehen, insbesondere nach einem längeren
Klinikaufenthalt womöglich mit ungewissem Ausgang. "Die
Umwelt behält nur das Positive an dem Menschen in Erinnerung
und neigt dazu, zu vergessen, wie er vor seinem Schlaganfall wirklich
war," sagt sie.
Eine Ausnahme
hierzu besteht im als Vorderhirn-Syndrom bekannten Problem, das
in der Tat eine Persönlichkeitsveränderung herbeiführt.
Der vordere Hirnlappen bestimmt unsere Fähigkeiten zu planen
bzw. soziale Verhaltensregeln zu befolgen. Wird er beschädigt,
kann der Betroffene impulsiv oder übermütig werden,
oder eine verminderte Urteilsfähigkeit zeigen.
Eine für
Nahestehende besonders peinliche Folge von Schäden am Vorderhirn
bezeichnen Psychologen als "Enthemmung". Dies ist der
Fall, wenn jemand nach einem Schlaganfall nicht mehr weiß,
daß bestimmte Bemerkungen oder Gesten unhöflich oder
gar inakzeptabel sind. "Zum Beispiel fängt ein Schlaganfall-Patient
an, das Personal anzumachen, sich in fremde Gespräche einzumischen
oder auf anderer Leute Gefühle keine Rücksicht mehr
zu nehmen, und gibt so von sich den Eindruck völlig fehlender
Empfindsamkeit. Wichtig für das Pflegepersonal und für
Andere ist die Erkenntnis, daß sich der Betroffene so verhält,
weil er auf anderer Leute Gefühle infolge des Verlustes der
Fähigkeit dazu keine Rücksicht mehr nehmen kann und
nicht weil er absichtlich verletzen will," sagt Professor
Lincoln.
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Schlaganfall
und Depressionen
Depressionen
kommen als Folge eines Schlaganfalls sehr häufig vor. Vermutet
wird, daß knapp die Hälfte aller Betroffenen eine deutliche
Depression innerhalb des ersten Jahres erleidet. Angst ist auch
sehr verbreitet, wird aber weniger erkannt, stellt Dr. Peter Knapp,
ein Dozent in der Schule für Gesundheitsfürsorge der
Universität Leeds fest. "Vielleicht kommt dies daher,
weil die Ängste sich erst zu Hause nach der Entlassung aus
dem Krankenhaus bemerkbar machen," meint er.
Nach Dr. Knapp
sind Depressionen und Angstzustände häufig durchaus
nachvollziehbare Reaktionen auf die vom Schlaganfall bewirkten
Veränderungen. "Trauer- oder Verlustgefühle sind
fast nicht zu vermeiden, insbesondere wenn auf den Schlaganfall
wesentliche Veränderungen in den Lebensgrundlagen, wie Verlust
des Arbeitsplatzes oder Fernbleiben von Freunden, zurückzuführen
sind," erläutert er.
Depressionen
nach dem Schlaganfall können weitere Folgen für die
Betroffenen nach sich ziehen. Neben der deprimierten Gemütslage
werden sie manchmal reizbar, verlieren ihre Lebens- und Unternehmensfreude,
oder erfahren Gedächtnisprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten.
Bei einer
Untersuchung mit Schlaganfall-Patienten fand Dr. Knapp heraus,
daß Leute in Problemlösungsmethologien anzuleiten ein
durchaus brauchbarer Ansatz für die Beseitigung von Depressionen
und Angstzustände sein kann. Nach seinen Feststellungen wird
dadurch der Patient zur aktiven Teilnahme und zur selbständigen
Tätigkeiten gefördert.
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Mit den
Änderungen zurechtkommen
Obwohl
es einen einzigen "richtigen" Ansatz, um mit den Änderungen
zurechtzukommen nicht gibt, hält es Professor Lincoln für
wünschenswert, daß die Betreuer die Ursachen kennen
und verstehen und dadurch begreifen, daß die Rücksichtslosigkeit
nicht auf sie gerichtet ist. Vielmehr ist sie die Folge des Hirnschadens.
Gemütsänderungen stellen Betreuer und Pflegepersonal
vor besondere Herausforderungen, zumal der Schlaganfallbetroffene
sie häufig selbst nicht wahrnimmt.
Glücklicherweise
verringern sich solche Probleme in vielen Fällen mit der
Zeit, wenn auch die dafür erforderliche Zeit etwas unbestimmt
ist. "Schon in den ersten drei Monate können wesentliche
Verbesserungen eintreten," sagt Professor Lincoln. Falls
der Zustand dennoch weiter andauert, schlägt sie vor, sich
mit dem Schlaganfallbetroffenen über sein Benehmen und dessen
Auswirkungen auf Andere auseinanderzusetzen, Dabei kann das Beisein
eines engen Freundes oder Verwandten während des Gespräches
eine nützliche Stütze sein.
Oftmals neigen
Verwandten dazu, den Betroffenen beschützen und ihm deshalb
nicht sagen zu wollen, daß er sich ungebührlich benimmt.
"Es muß aber klar, schwarz auf weiß festgestellt
werden, weil er die Fähigkeit verloren hat, die feinen Nuancen
wahrzunehmen, wonach man sich üblicherweise richtet, ohne
sich dessen überhaupt bewußt zu sein," führt
sie weiter aus. "Eine klare Sprache führt häufig
zur Wende zum Besseren. Es ist aber wichtig, positiv und nicht
kritisierend zu sein."
Vom Vorderhirn-Syndrom
abgesehen, sind die Ursachen für diese Veränderungen
wie deren Therapien unklar. "Es gibt viele Untersuchungen
über Leute mit Kopfverletzungen aber dieses Forschungsgebiet
im bezug auf Schlaganfall wurde weitgehend vernachlässigt
- zum Teil weil das Schwergewicht eher auf die Sofortmaßnahmen
und auf die physische Rehabilitation gelegt wurde," sagt
Dr. Michael Sharpe, Dozent für psychologische Medizin an
der Universität von Edinburgh. Im Rahmen einer schottischen
Untersuchung, des Edinburgh Schlaganfallsprojektes, unterstützt
der Brust-, Herz- und Schlaganfallverband Schottlands Dr. Sharpe
finanziell bei seiner Untersuchung der Gemütsveränderungen
bei 100 Schlaganfallpatienten.
"Eine
der Fragen, die wir uns stellen, lautet, ob Probleme wie Teilnahmslosigkeit
oder Reizbarkeit vom Hirnschaden herrühren und demnach in
einem gewissen Sinn unheilbar sind, oder ob sie auf Depressionen
zurückzuführen und daher mit diesen zusammen behandelbar
seien. Liegt die Ursache im Hirnschaden, sind dennoch Möglichkeiten
der Linderung vorstellbar, seien es Arzneien, seien es verhaltens-therapeutische
Maßnahmen? Im Augenblick wissen wir es einfach nicht."
Einschlägige
Studien dürften etwas Licht auf die nach einem Schlaganfall
zu erwartenden Probleme und deren Behandlungsmöglichkeiten
werfen. Bis dahin allerdings empfiehlt Dr. Sharpe Betreuern, das
Gespräch mit dem behandelnden Arzt zu suchen, wenn der Betroffene
hartnäckige Gemütsprobleme hat, die sich anscheinend
nicht bessern.
Für Probleme
wie Reizbarkeit und Depression können Antidepressiva manchmal
Abhilfe leisten. In den meisten Fällen steht jedoch kein
Behandlungsmodus zur Verfügung, zumal die Veränderungen
womöglich auf körperliche Schäden im Hirn zurückzuführen
sind. Therapie- oder Beratungsgespräche können dem Betroffenen
wie dem Betreuer Anlaß sein, Sorgen oder neue Wege zur Beherrschung
der Situation zu erörtern. Davon mal abgesehen, mögen
der Betreuer oder die Betreuerin darin eine willkommene Gelegenheit
sehen, sich endlich auszusprechen, da sie all zu oft weitergehende
Unterstützung nicht erfahren.
Andrew Miles
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